Backlist, New York

Backlist A train.

Kehlmann

Das literarische New York, zum Beispiel.

Spielt sich bis jetzt so ab, dass ich im September der Köchin von Philip Roth beim Abendessen begegnet bin und letzte Woche der Ehefrau von Paul Auster.

Das ist doch? Richtig! Siri Hustvedt. Das literarische New York spielt sich aber trotz dieser hellen Momente in einem finsteren Tunnel ab, dem Ubahnschacht. Da unten ist kein Empfang, das heißt ich kann niemanden anrufen, und niemand kann mich anrufen. An dieser Stelle darf laut losgelacht werden, weil mich ruft schon seit ich hier bin niemand an. Ich weiß gar nicht, wie mein Klingelton klingen soll. Und wenn Manus Telefon alle zwei Monate einmal läutet, erschrecken wir beide vor dem fremden Laut. Ja, Freunde. Ihr fehlt. Aber in der Einsamkeit liest es sich dafür gut. Einsam ist man in der Ubahn zwar nie, aber meistens finde ich ein Plätzchen und schlage mein Buch auf. Hier meine Charts.

Die Ubahn ist schmutzig, so richtig. Frauen verunstalten ihre Handtaschen mit Anhänge-Flaschen voll Hand-Sanitizer. Die Ubahn lebt. Es wird geredet, gesungen, gebetet, gebettelt, gespendet, verkauft, es werden Witze erzählt. Am meisten gehen mir die Missionare auf die Nerven. Ich steige ein, der Zug ist voll, ich stehe Backe an Backe mit einem Schuljungen, ich höre seine Musik mit.  Ich habe  1/8 meines Arbeitsweges hinter mich gebracht. Die Ubahn bleibt stecken. Fragt nicht woher, aber dann taucht ein Prediger auf. Er läuft zu Hochform auf. Ich verstehe nur Jesucristo. Mein Zug bringt mich in 25 Minuten von Brooklyn nach Midtown, wenn er sich nicht aus irgendeinem Grund in einen local train verwandelt, das passiert selten, aber immer, wenn ein Prediger an Bord ist. Auf halbem Weg finde ich einen Sitzplatz, Hüfte an Hüfte, Schenkel an Schenkel, Knie an Knie mit der Dame neben mir. Leider ist sie keine Dame, sie spielt Candycrush. Spielt sie wirklich? Oder liebt sie nicht einfach nur den wunderbaren Soundtrack zu Candycrush? Der Gesang der Götter. Ich kann mittlerweile schon im Vorhinein erkennen, wer mir am Weg nach Manhattan zur Gefahr werden soll und meinen Lesefluss hindern will.

In 80% der Fälle ist aber alles gut in der Ubahn. Ich zücke das Buch. Zu folgender Backlist habe ich es bis jetzt gebracht:

JamesBlomDunhamGreeneAmeryRosei

Hallo Peter Rosei. Ich liebe dein fein gestricktes Buch! Außerdem möchte ich die Betrachtung Europas vor dem 1. Weltkrieg, Philip Bloms “Der taumelnde Kontinent” heiß empfehlen. Jedem. Der im 20. Jahrhundert auf die Welt gekommen ist. Und allen anderen auch. Jean Améry empfehle ich auch, wenn auch nicht in der Ubahn. Den dritten Mann habe ich mit besonderem Vergnügen gelesen, vor allem weil eines der letzten Dinge, die ich in Wien gemacht habe, eine Dritte-Mann-Tour durch den Canale war. Washington Square habe ich gelesen alleine nur während ich jeden Tag unter dem Washington Square durchgefahren bin. 150 Jahre später. Lena Dunham habe ich am Tag des Erscheinens eingekauft, und mich dann geniert und den Umschlag in der Ubahn abgenommen, weil mir das zu offensichtlich war. Ich und Kaminski, hallo bitte ur lustig.

Dann komme ich bei Port Authority an und steige in den E train um, der immer kommt und in dem es immer stinkt wie in einem Terrarium.

Beweisfoto zum Schluss, Siri Hustvedt, meine Damen und meine Herren:

14_Siri_Hustvedt

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One thought on “Backlist A train.

  1. mamalu says:

    na, das hat mir gefallen, jetzt kennt man sich endlich aus, was du in der ubahn treibst, ich kann völlig mitriechen, aber mit gottes segen ist ja schon die halbe miete gezahlt, schau dass du Rezepte von der Köchin des ph roth kriegst! see you

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