New York

Wie im richtigen Leben

moVor allem über Instagram, die Frick Collection und Tränen.

Ich war Mitte August mit meiner Mutter in der Frick Collection, und mir ist ein Licht aufgegangen. Wer umgibt sich nicht gerne mit schönen Dingen? Mal schnell beim Großbürger/Industriellen/Adel in der Villa vorbeischauen, beruhigt, lenkt ab, unterhält. On- oder Offline. Hallo Mister Frick.

In New York begegnet man schnell den Gründungsvätern der Stadt, kaum ein Magnat ohne ein eigenes Imperium/Hochaus/Hotel/Museum/Fernsehsender.

Die Astors, Rockefellers, Hiltons, Dursts (Hilfe), Trumps (Hilfe!), Fricks. Mr. Frick hat sich gerne schöne Gemälde in sein Wohnzimmer gehängt. Wo kein Fernseher stand, hing ein El Greco. Er hätte Instagram nicht geliebt, aber ich glaube, er hätte die Idee verstanden. Vor allem hätte er Instagram nicht gebraucht, er hat ja seine Sammlung. IRL. Stillleben, Portraits, Marktansichten, Hausansichten, hie und da eine vernünftige Bootsschlacht, Gartenansichten, Sonnenuntergänge, und noch mehr Portraits vorzugsweise von Herren und Damen der Gesellschaft

Das kleine Magnaten Einmaleins: Wer war Henry Clay Frick?

Mr. Frick war ein Stahl Industrieller aus Pennsylvania, der mit Schienen und Kohle Kohle machte. Und dazu noch ein Gewerkschaftsgegner und unbeliebter Arbeitgeber. Man vertiefe sich hier. Mister Frick hat sich gerne mit schönen Dingen umgeben und hat eine unglaubliche Schatzkammer an Gemälden in seiner European Style Villa an der 5th Avenue angelegt.

Unter anderem hier habe ich abgeschnallt: Nicolaes Ruts von Rembrandt. Bitte diese Pelzhärchen? Und der Teint? Und die Lederjacke? Sofort erkennt man die Lederjacke, also wer kann schon so gut eine Lederjacke darstellen?Nicolaes Ruts

Dann, in diesem Bild den Lichteinfall, bei Vermeer immer durch ein Fenster links. Das Licht in diesem Bild ist ein Spektakel, und kommt online hier auf dem Bildschirm ganz und gar nicht herüber, das Vermeer Licht alleine ist ein Grund, die Frick Collection zu besuchen.

Vermeer

Und schließlich, Mister Turner. Mister Turner, bitte malen Sie mir meine Villa an der Themse im Morgengrauen, damit wir uns an unser Glück erinnern, bis endlich Fotografie für alle und Instagram erfunden werden.

Turner

Das Instagram Feed ist die West-Galerie der heutigen Zeit. Wenn Mister Frick in der Nacht nicht schlafen konnte (vielleicht weil er ein Sklaventreiber war), ist er in seine West-Galerie gegangen und hat sich schöne Bilder angesehen. Man muss kein Sklaventreiber sein, um manchmal nachts nicht schlafen zu können. Man kann auch durch seinen Instgram Feed scrollen.

Um meinem Ziel einmal eine eigene Gemäldegalerie zu haben, näher zu kommen, habe ich Instagram vorübergehend deinstalliert (nachdem ich den Podcast “Note to Self – Bored and Brilliant” angehört habe), weil es mir die Zeit raubt, in der dich zum Beispiel über Rembrandt schreiben könnte. Randnotiz: Note to Self ist die totale Podcast Empfehlung, derzeit mein Lieblingsprogramm.

So gerne ich mich in schönen Fotos von schönen Menschen verlieren kann, so sehr stampfe ich auch mit dem Fuß dagegen auf. Der Protest der kleinen Frau mit tollem Leben, und einer schlechten Linse. Bei mir ist das nämlich so: ich greife notorisch im falschen Moment zur Kamera. Danach oder davor. Diese Unfähigkeit münze ich hier in diesem Text um zu: ich bin für ein ehrliches  Internet.

Manchmal fallen ein bisschen zu viele Dinge an einem Tag an: man hat die Anwaltsprüfung absolviert, man übersiedelt, ist verkatert (man hat die Anwaltprüfung absolviert), der hitchBOT ist ermordet worden und die Zukunft liegt, wie immer, in gleißendem Licht nicht sondern in Finsternis. Alles an einem Tag. Da kann es schon einmal passieren, dass eine Träne ihren Weg die Wange hinunter rollt. Also, warum das Internet mit schönen Bildern verstopfen?arrange thing neatly

Statt dem tausendsten Foto von einer Kaffeetasse, Pfingsrose, Nagellack, #fromwhereIstand, Nutritionbowl, Sportoutfit, grünem Smoothie, taufrischem Gemüse, Wassergläsern mit Brombeeren und Minzeblättern, Sonnenuntergängen, weißem Sand, braunem Sand, sandigem Sand, Zehen im Sand, lackierten Zehennägel mit Sand, das Wort Hope in schwarzen Pinselstrichen auf weißem Hintergrund, einem Countdown: noch 59 Tage bis zum lebenslangen, bezahlten Urlaub auf Zanzibar, pastellfarbenen, veganen Eiskugeln, veganen Fingernägeln, Hundenasen, wie konnte ich die New York Skyline vergessen, und gute Wangenknochen?

Nein. Photographers love tears, und zufällig war eine (©Fernanda Kock)  zur Stelle, als wir uns von unserer Mitbewohnerin Annie verabschiedeten, bei der wir ein Jahr wohnen durften. Es ist wie im richtigen Leben.

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