Le Quotidien, New York, Wie ist das?

Wie ist das?

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Umzug in New York als Paar

Wir sind in einem Jahr viermal umgezogen und haben folgende Postleitzahlen ins Sammelalbum geklebt, aufsteigend:

11205, 11206, 11216, 11216 (Doppelt! Tauschen?) und 11217.

Clinton Hill, Bed-Stuy, Bed-Stuy, Crown Heights, und Park Slope.

Die ersten 19 Jahre meines Lebens bin ich ganz phlegmatisch angegangen und gar nicht umgezogen. Daraufhin: Auszug (1070), Nachtzug nach Lissabon (1100), Zusammenzug (1040). Und dann kam New York. Zuerst ein Jahr lang die selbe Adresse, bis endlich eine Idee und ein bisschen Finanznot ein bisschen Abwechslung ins Spiel brachten: warum hier so sesshaft werden, wenn wir jedes Monat in eine andere WG ziehen könnten? Hier das Monatsprotokoll eines WG Paares in Brooklyn.

Woche 1:

Anfang des Monats ist Ende des Monats

Woche 2:

Jetzt wird in die Hände gespuckt, wir besichtigen! Ich will hier nicht ausholen, darüber, wo wir überall nicht hingezogen sind. Ok, kurz: Zu einer 80 Jährigen, in eine verdunkelte Erdgeschoßwohnung, in deren Wohnzimmer man sich untertags nicht aufhalten durfte, in eines von 10 Baumhäusern, die in eine 100 Quadratmeterwohnung eingezogen wurden, in eine 8er-WG mit 1 (einem) Fenster, und viele andere Grausamkeiten ohne Fenster von $1200 bis $2000. Fazit: ein Fenster ins Wohnzimmer ist kein Fenster. Wir haben auch flottere Angebote ausgeschlagen, schließlich lieben wir das Risiko, vor allem wenn es noch nicht einmal Monatsmitte ist.

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Woche 3:

Online ist das neue Offline – Kreislauf der Geschehnisse online

Man ergänzt etwaige Oscarnominierungen oder Nobelpreise auf der eigens eingerichteten Squarespaceseite, nimmt aktuelle Portraits auf, geht 400 indische Facebookfreunde shoppen, filmt ein Showreel, in dem man sich vorstellt, eine folkloristischen Tanz aufführt, oder den persönlichen Dialektkatalog vorspricht, man mietet einen Ballsaal, lädt das national Fernsehen ein, und lässt sich einen Preis verleihen –> man bringt die Website auf den letzten Stand.

Woche 4, Tag 2:

Das Interview

Man zieht sich sein Maturaballkleid an, ist 15 Minuten zu früh am vereinbarten Ort, wirft noch ein paar Nüsse und Traubenzucker ein und geht ein letztes mal den Fragenkatalog durch.

Den Fragenkatalog?

Den Fragenkatalog!

  • Was soll ich zum Wäschewaschen anziehen: Jeans/Jogginghose/oder gar Unterhose?
  • Wie viele letscherte Pizzastücke entfernt ist ein Restaurant?
  • Wie viele gerissene Sackerl weit weg ist der Supermarkt?
  • Wie oft muss ich autostoppen, bis ich bei der Ubahnstation bin?/Wie oft am Tag fährt ein Bus zur Haltestelle?
  • Wie viele Hörbücher kann ich auf meinem neuen Weg in die Arbeit hören? Und am Heimweg?
  • Lohnt es sich die Postleitzahl auswendig zu lernen?
  • Kennst du Europa?
  • Wieviele Tinder-Dates später willst du für gewöhnlich heiraten?
  • Bist du auf Kakao allergisch oder kann ich eine Sachertorte für dich backen?
  • Große oder kleine Kakerlaken?
  • Kann jeder von uns einen eigenen Schlüssel haben?
  • Können wir zwischen deinem und unserem Zimmer eine Türe improvisieren?
  • Bist du sicher, dass ein Jahresgehalt wirklich genug Kaution ist?
  • Ist das ein echter Kühlschrank/Herd/Teppich?
  • Nach wie vielen Minuten kommt das heiße Wasser?
  • Wem dürfen wir sagen, dass wir bei dir wohnen, und für wen sind wir dein Schwager und seine Frau?
  • Und was macht deine Stiefschwester so, wenn ich fragen darf?

Woche 4, Tag 5:

Die Zusage

Man hat es geschafft und konnte einen New Yorker bezirzen, ein Paar aufzunehmen und davon zu überzeugen, dass man die bessere Wahl ist – trotz Doppelpack also sauberer, leiser, ordentlicher, zuverlässiger, liquider, nie zu Hause, geschickter, sorgfältiger, tierliebender/hassender, bescheidener, vegetarischer, laktoseunverträglich/verträglicher ist, als die meisten anderen Menschen, die alleine WG Zimmer suchen.

Woche 4, Tag 6:

Man kauft etwaige zerstörte Objekte seiner bisherigen Mitbewohner nach. Wählt die Schnellwahltaste und mietet den Umzugswagen immer! in! Nähe! der neuen! Adresse! Der Auto-Vermieter begrüßt einen mit dem Vornamen.

Woche 4, Tag 7:

Man baut das eigene Bett ab, packt sich zusammen. Man baut das Bett wieder auf. Fällt müde in einen Sessel und will ein Bier. Trotz Versuchung greift man nicht auf kühle Getränke oder Nahrung von neuer Mitbewohnerin zurück.

Woche 1, Tag 1

Montagfrüh

Man googelt den Weg in die Arbeit. Übt einmal auf- und zusperren.

Montagabend

Man konzentriert sich stark, um nicht versehentlich ins alte Zuhause zu fahren und übt am Nachhauseweg noch ein paar mal den Namen der neuen Mitbewohnerin. Man sperrt gekonnt auf, versucht die Mitbewohnerin mit dem richtigen Namen zu begrüßen, und fragt, wie ihr Tag so war.

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6 thoughts on “Wie ist das?

  1. Haha, was für ein witziger Artikel?! Ganz großes Kino. Lieben Dank für diesen authentischen und amüsanten Einblick in Deinen New Yorker Alltag. Mit meiner nun aufs Äußerste erheiterten Stimmung werde ich diesen Freitagnachmittag in meinem Kölner Büro mit Links wuppen 😉

  2. Sonja Seferlis says:

    Ich genieße jede Zeile, die ich lese. Unterhaltsam, sympathisch, herzerfrischend.
    Mach´ weiter so.
    Liebe Grüße aus Wien

  3. Jürgen Thausing says:

    Sounds about ok, but stay cool- you know who you are and what you are worth, so crack on and get it sorted- your way!
    Good stuff and tallyhoo

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